Challenge 2017 Rezension: Der Spieler

Zur Sache:

 

Als ein hoch verschuldeter russischer General mit seiner Familie nach Roulettenburg reist, um dort ungeduldig auf das Versterben einer vermögenden Tante zu warten, auf deren Erbe er dringend angewiesen ist, bringt er auch den jungen Hauslehrer Alexej mit. Dieser ist hoffnungslos in die hartherzige, grausame aber ebenso schöne Stieftochter des Generals verliebt, die ihn schamlos ausnutzt und für sich am Roulette teilnehmen lässt. Ist Alexej zu Beginn der Spielwelt und ihrer Gesellschaft gegenüber noch ablehnend und voller Skepsis eingestellt, so verliert auch er sich mehr und mehr in einer Welt, in der ein ganzes Vermögen binnen weniger Augenblicke gewonnen aber auch wieder verloren werden kann. Schließlich wird das Spiel für ihn zu einer Leidenschaft, die alle anderen zu ersetzen droht.

 

 

Eins vorweg: Ich muss zugeben, dass ich den Spieler nie gelesen hätte, hätte mir ein Arbeitskollege nicht dazu geraten. Zu schwermütig und melancholisch, kurz zu gefühlsduselig erschien mir oft die russische Seele. Russische Autoren zu lesen, war für mich immer ein Gewaltakt. Auch Dostojewskis Werke waren etwas, durch das man sich hindurchquält, weil es zum Kanon der Weltliteratur gehört, mit dem man angeben kann, wenn man ihn gelesen hat. Da ist es ein Glück, dass ich diesem Buch doch noch eine Chance gegeben habe.

 

 

 

Kurzrezension:

 

 

Dostojewskis 1867 erschienener Roman „der Spieler“ ist ein Buch über Sucht, Obsession, Liebe und die Schadhaftigkeit unbegründeter Hoffnungen. Gleichzeitig zeichnet es ein eindrucksvolles, wenn auch trauriges Abbild Dostojewskis eigener Spielsucht, die den Autor ganze 10 Jahre seines Lebens begleitete. So trug Dostojewskis Spielsucht unter anderem auch dazu bei, dass dieser in finanziellen Nöten den „Spieler“ in nur 28 Tagen fertigstellte.

 

 

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Protagonisten und Ich-Erzählers Alexej Iwanowitsch, der auf die Ereignisse des Romans zurückblickt. Dabei kommentiert Alexej die Geschehnisse und scheint den Leser oft direkt anzusprechen, indem er beispielsweise wiederholt die Aufrichtigkeit seiner Schilderungen beteuert. Alexej, ein gebildeter aber unvermögender junger Mann, stellt mit seinem leicht beeinflussbaren und zur Obsession neigenden Charakter den archetypischen schwachen Spielercharakter dar.  Bevor jedoch die Spielsucht von Alexej Besitz ergreift, zeigt sich Alexejs charakterliche Schwäche in seiner hoffnungslos leidenschaftlichen Liebe zur Generalstochter Polina. Denn das launische und kalkulierende Fräulein reicht Alexej in der ersten Hälfte des Buchs nicht einmal den kleinen Finger. Außer einem extremen Masochisten kann diese Femme fatale niemanden anbetungswürdig erscheinen, nur leider scheint Alexej genau das zu sein.

 

 

Was die Beziehung zu Polina und den Protagonisten selbst überhaupt erträglich macht, ist seine überraschende Reflektiertheit und Scharfsinnigkeit, mit der er seine Situation und auch die Gesellschaft des Generals treffend und nicht ohne Ironie beschreibt. Besonders faszinierend ist auch die schonungslose Ehrlichkeit – zumindest soweit ein Süchtiger nicht dem Selbstbetrug zum Opfer fällt – mit der Alexej dem Leser von seinen Gefühlen und Gedanken in den verschiedenen Situationen erzählt. So schildert er auch die Zwiespältigkeit seiner Gefühle gegenüber Polina, der er zwar in selbstzerstörerischer, unerklärlicher und obsessiver Liebe zugetan ist, deren Spott und hochnäsiges, respektloses Verhalten ihm gegenüber ihn jedoch in innere Rage und Hass versetzt und ihn sogar Mordgedanken hegen lässt. So wundert es nicht, dass Alexej sich immer mehr dem Glückspiel zuwendet. Immerhin besteht am Roulettetisch wenigstens ab und zu die fatale Hoffnung, vom Glück erhört zu werden, im Gegensatz zu Polina, die jede Hoffnung auf ein gemeinsames Glück im Keim erstickt. Das Polina Alexej gegen Ende doch noch aufrichtig Lieben soll, ist zu diesem Zeitpunkt Gott sei Dank nicht mehr von Interesse und bleibt gleichzeitig auch der einzige Teil des Romans, der – insbesondere in Hinblick auf ihr früheres Verhalten – unmotiviert und unglaubwürdig scheint.

 

Bis zum Schluss sind Polina und Alexej oft nur schwer zu ertragen und ich bin mir bis jetzt nicht sicher, ob Alexejs Intelligenz und Reflektiertheit ihn ein Stück weit rehabilitieren oder ob es ihn zu einem noch unausstehlicheren Charakter macht, da er sich wissentlich ins Unglück stürzt. Zur einer hoffnungslosen und tragischen Figur macht es ihn auf jeden Fall.

 

 

Auch bei den anderen, parodistischen Figuren greift Dostojewski auf oft verwendete Schablonen zurück, die zu Alexej und Polina einige Parallelen aufweisen. So büßt auch der General im Laufe der Handlung seinen letzten Rest an Würde ein und verkommt zum Schoßhündchen der Goldgräberin Mademoiselle Blanche, mit der auch Alexej – durchs Roulette an Geld gekommen eine ebenso kurze wie lächerliche Beziehung führt. Auch Mademoiselle Blanche verkörpert zumindest für den General das Stereotyp der Femme fatale, die sich jedoch in Abgrenzung zu Polina zur Finanzierung ihres ausgeprägten Materialismus und Konsums an Luxusgütern wahllos mit vermögenden Männern einlässt. So spielt Mademoiselle Blanche ähnlich wie Polina nicht mit Geld, sondern mit den Gefühlen charakterschwacher Männer. Dabei ist sie eine solche Karikatur des ehrlosen, luxusbesessenen Weibes und den Männern gegenüber in ihrer Motivation so ehrlich, dass man ihr gar nicht böse sein kann.

 

 

So bietet "der Spieler" neben einer bedrückenden Schilderung von Spielsucht auch einen satirischen Blick auf die damalige Bourgeoisie, die einen Lebensstil unterhält, den sie sich längst nicht mehr leisten kann und infolgedessen jeden Anstand verloren hat. Auch als russisches Sittenbildnis lässt sich "der Spieler" heranziehen und liefert zusätzlich ein für heutige Leser wahrscheinlich ungewollt unterhaltsames Zeitzeugnis über die russischen Ansichten zu den anderen europäischen Nachbarländern.

 

 

Ein weiterer Pluspunkt für den "Spieler" ist die verwendete Sprache, die, wenn auch leicht antiquiert, nicht unnötig gestelzt, verworren oder zäh ist, wie es bei älterer Literatur gerne mal der Fall zu sein scheint. Stattdessen wirkt sie zeitgemäß und flüssig. Ebenso erfreulich ist, dass Dostojewski sich davor hütet, zu schwadronieren und sich nicht in endlosen Beschreibungen ergeht. So wird "der Spieler" trotz seiner thematischen Komplexität nicht unnötig zum Kampf.

 

 

Insgesamt lässt sich sagen, dass Dostojewskis "Spieler" ein guter Kandidat zum Lesen ist, wenn man einen Einstieg in die russische Literatur sucht oder gar einen Einblick in Dostojewski selbst, denn "der Spieler" ist sein wahrscheinlich autobiografischstes Werk. Mit einer Thematik, die auch in unserer heutigen Konsumgesellschaft noch aktuell ist, erweist sich Dostojewskis Roman tatsächlich als zeitloses Werk. Natürlich enthält "der Spieler" auch eine gute Portion der von mir gefürchteten melancholischen russischen Mentalität. Oft tun sich die Charaktere gehörig selbst leid und suhlen sich in ihrem Unglück und auch Alexejs Liebe zu Polina bleibt in ihrer Intensität für mich nicht nachvollziehbar. Trotz allem wird dieser Faktor zu Genüge durch Alexejs Klarsichtigkeit und die satirischen Züge des Buches kompensiert.

 

 

 

 

Urteil: ein unerwartet unterhaltsamer und einsichtsvoller Roman über die Psyche eines Spielers.