Rezension: Das Graveyard-Buch

 

Zur Sache:

 

In einer dunklen Nacht schleicht sich eine dunkle Gestalt in mörderischer Absicht durchs Haus. Mit einer Schnelligkeit, die nur die Erfahrung mit sich bringt, vollzieht er seine grausame Tat - doch ein Opfer fehlt! Ein kleiner Junge, fast noch ein Baby, ist seinen kalten Händen entwischt und hat sich auf den Friedhof gerettet. Dort gewähren dessen geisterhafte Bewohner dem Kleinkind bis zu seinem 16. Lebensjahr den Schutz des Friedhofs.

 

So beginnt Nobody Owens Geschichte:  als einzig Lebender unter Toten wird er von ihnen aufgezogen und eingeweiht in die Geheimnisse einer Welt, die nur den Toten offenbar werden. Doch außerhalb der schützenden Friedhofsmauern lauert immer noch jene tödliche Gefahr, die den unscheinbaren Bod damals auf den Friedhof trieb. Wird er bis zu seinem 16. Geburtstag gegen sie gewappnet sein?

 

Rezension:

 

 

Bei dem "Graveyard Buch" handelt es sich um ein weiteres Werk des mit der Newberry Medal ausgezeichneten britischen Autors Neil Gaiman. Erwähnenswert ist, dass es sich bei Gaiman um einen sehr vielseitigen Autor handelt. So stammen zahlreiche Science-Fiction Romane, Comics, Fantasygeschichten und Drehbüchern aus seiner Feder und mit Werken wie dem bereits verfilmten „Coraline“ oder „the Day I swapped my Dad for two Goldfish“ (übersetzt: Der Tag, an dem ich meinen Papa gegen zwei Goldfische tauschte“) kann Gaiman auch erfolgreiche Abstecher in den Bereich der Kinderliteratur verzeichnen.

 

Ein Buch zu schaffen, das sowohl kindgerecht ist, als auch Erwachsene anzusprechen weiß, gelingt Neil Gaiman auch mit dem "Graveyard Buch". Denn der Autor, der stets ein Händchen für düstere und skurrile Ideen hat, weiß, wie man eine vor Einfallsreichtum sprühende Geschichte zu erzählen hat. So ist das Graveyard Buch Gaimans Versuch in Anlehnung an Rudyard Kiplings viel gelesenes Werk eine Art „Dschungelbuch“ auf dem Friedhof zu entwerfen. Das ist ihm auf jeden Fall gelungen.

 

Spannend, humorvoll und auch mit einem angenehmen Gänsehautfaktor erzählt Gaiman Nobody Owens oder Bods – wie er sich selbst nennt – eigentümliche Abenteuer, die der Friedhof für ihn bereithält. Die Geschichte, die eine gewaltige Zeitspanne von ca. 14 Jahren umfasst, ist episodisch aufgebaut. Jedes Kapitel erzählt eine einzelne Episode aus Bods Leben, zwischen denen teilweise Zeitsprünge von mehreren Jahren liegen können. Dies fällt besondere bei der ebenfalls erhältlichen Graphic Novel Version des Buches ins Auge, da in der Graphic Novel jedes Kapitel von einem anderen Künstler illustriert worden ist.

 

Auf den ersten Blick liest sich "das Graveyard Buch" wie eine gewöhnliche Coming-of-Age Story mit Abenteuer-Setting. Allerdings erweist sich Bods Erziehung und Erwachsenwerden bei zwei liebenswürdigen, wenn auch verstorbenen Adoptiveltern schnell als alles andere als gewöhnlich.  Auch muss der junge Bod zwar wie jedes andere Kind die Schulbank drücken, doch wenn einem das gesammelte Wissen der Friedhofsgemeinde, die bis in die Antike zurückreicht, zu Füßen liegt und übernatürliche Wesen, die den schützenden Schatten des Friedhofs schätzen, zu seinen Lehrmeistern zählen, gestaltet sich der Unterricht und das Erwachsenwerden selten als gewöhnlich.

 

So trifft Bod im Verlauf seines Friedhofslebens auf allerlei Gestalten, deren Geheimnisses es zu entdecken gibt. Da trifft es sich gut, dass Bod ein neugieriger und vor allem furchtloser Bursche ist, den nichts so leicht das Gruseln lehrt. Immer mehr taucht er in die düstere Welt der Verblichenen ein und mit jeder Episode wird Bod immer mehr ein Teil von ihr. Schon bald beherrscht er einige nützliche Fähigkeiten, die ihn dazu befähigen, sich dem Bösen – Nobodys persönlicher Shere Khan –, das immer noch vor den Friedhofstoren auf ihn lauert, zu stellen.

 

Nur mit der Welt der Lebenden kommt Nobody Owens selten in Kontakt und ist besorgniserregend wenig auf sie vorbereitet. So hinterlässt das Ende der Geschichte – der Tag an dem Bod, wie Mowgli einst den Dschungel, den Friedhof hinter sich lassen muss – beim Leser nicht nur ein Gefühl wohliger Wehmütigkeit und den Wunsch, mehr Zeit mit den vielen fesselnden Gestalten verbringen zu können, denn manche höchst mysteriösen Figuren kommen leider viel zu kurz, sondern auch echte Besorgnis über Bods weitern Werdegang in der Welt der Lebenden.

 

Anmerkung:

 

Vom Verlag empfohlen für Kinder im Altern von 11-15 Jahren, kann sich auch ein mutiger Zehnjähriger, der vor dem Gruseln keine Angst hat, an das im Prinzip harmlose Werk heranwagen.

 

 

Urteil:  eine schauerliche und einfallsreiche Geschichte vom Tim Burton der Kinderbuchautoren.

 

 

 


 

 

Erschienen: 2009

Taschenbuch

Verlag: Arena Verlag

Seiten: 312

ISBN: 978-3-401-50273-1

 

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Erschienen: 8.10.2015

Graphic Novel

Verlag: Eichborn Verlag

Seiten: 360

ISBN: 978-3847905943

 

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