Challenge 2017 Kurzmeinung: Die Geisha/Memoirs of a Geisha

 

Zur Sache:

 

Sayuri ist die begehrteste Geisha in ganz Gion. Mit einem einzigen verführerischen Blick kann sie einen Mann in die Knie zwingen. Doch hinter der sorgfältig konstruierten Fassade verbirgt sich die Geschichte einer jungen Frau, die verzweifelt versucht, in einer zutiefst einengenden Sphäre des schönen Scheins ihr Glück zu finden.

Nach dem Tod ihrer Mutter, von ihrem verarmten Vater an ein Geishahaus in Kyoto verkauft, muss die junge Chiyo sich in einem harten Konkurrenzkampf in einer rein weiblichen Domäne behaupten. Endlich, nach langen Lehrjahren voller Entbehrung, scheint Chiyo als stolze Geisha Sayuri am Ziel ihrer Bemühungen. Doch Vieles – auch die Liebe – hat Sayuri für ihren Erfolg opfern müssen.

 

Noch immer hat die ehemalige Fischerstochter, mit Augen so blau wie das Meer, ihr Glück nicht gefunden und mit Anbruch des Zweiten Weltkriegs neigt sich der Abend über die einst so geheimnisvolle und glamouröse Welt der Geisha.

 

Kurzmeinung:

 

Arthur Goldens Weltbestseller „die Geisha“ entführt in eine einzigartige und auch sehr fremde Welt. Eine Geisha – was im Japanischen „Person der Künste“ bedeutet – ist nicht nur eine Bewahrerin der traditionellen japanischen Künste, sie ist angekleidet und weiß geschminkt selbst schon ein Kunstwerk. Doch über die Strapazen, das Training und die Schminkroutine, die eine Geisha täglich für die Illusion idealisierter Femininität in Kauf nimmt, weiß der außenstehende, bewundernde Betrachter so gut wie nichts, denn ihre Geheimnisse gibt eine Geisha niemals Preis. In einer Sphäre, in der alles Fassade und Illusion ist, gehört das Geheimnis zum Geschäft. Da ist es kein Wunder, dass der seltene Blick hinter die malerischen Kulissen der "Hanamachi" von Gion – so werden die Geishaviertel genannt – und hinter die perfekten Fassaden der Frauen von puppenhafter Schönheit so fasziniert.

 

Gekonnt verbindet Golden seine Recherchen über die Lebensrealitäten der Geisha mit einer fesselnden und emotionalen Geschichte eines Einzelschicksals, dem jungen, in das Unterhaltungsgewerbe verkaufte Fischermädchen Chiyo. Auch vermag er es zumindest zu großen Teilen, die fremde japanische Mentalität und Lebenseinstellung authentisch einzufangen, ohne den westlichen Leser zu sehr vor den Kopf zu stoßen. So entfremdet Chiyos Denkart den westlichen Leser an einigen Stellen zwar ein wenig, aber nie so sehr, dass eine Identifikation und ein Mitfühlen mit ihrem Schicksal gestört wären. Trotzdem merkt man, dass Golden um Authentizität bemüht ist. So sind viele Ereignisse aus Sayuris Leben dem realen Erfahrungsschatz der Geisha Mineko Iwasaki – der berühmtesten Geisha ihrer Zeit – entnommen, die Golden für seinen Roman interviewt hat.

 

Mit dem Erfolg des Buches aber zog Arthur Golden sich auch die Kritik des japanischen Publikums zu. Besonders das im Buch beschriebene Initiationsritual – das sogenannte „Mizuage“, in dem Sayuris Jungfräulichkeit an den höchst bietenden Werber verkauft wird – sorgte nach seiner Publikation innerhalb der Geisha-Gemeinde für Kritik. Das von Golden beschriebene Ereignis zähle keinesfalls zu den heutigen Praktiken der Geisha, bei denen das „Mizuage“ nicht mehr als ein symbolisches Abschneiden des Haarknotens sei, so die Kritik. Des Weiteren sexualisiere und verfälsche Golden die Kultur der Geisha, um sie einem westlichen Publikum schmackhafter zu machen und trage dazu bei, dass die fälschliche Annahme, der Geisha-Beruf sei mit dem Prostitutionsgewerbe verbunden, aufrechterhalten bleibe.

 

Demgegenüber bleibt anzumerken, dass Goldens Werk anders als Iwasakis Leben zu Beginn der dreißiger Jahre spielt. Eine Zeit, in der die beschriebene Praktik sehr wohl, zumindest bei den Kurtisanen, vertreten war. Auch wurde der Deflorationsakt einer Maiko erst im Jahre 1959 illegal. Es lässt sich also nicht mit Gewissheit sagen, ob ein solches Ritual zu dieser Zeit noch üblich war oder nicht. Als jemand, der die in Antwort auf Goldens Roman veröffentlichte Autobiografie von Mineko Iwasaki kennt, kann ich zudem sagen, dass eine etwaige Verfremdung des Materials weit geringere Ausmaße annimmt, als die Empörung der Geisha-Gemeinde annehmen lässt.

 

 

Urteil: Keine Dokumentation, sondern eine fiktive Geschichte, die dennoch einen faszinierenden Blick in die einzigartige Welt der geheimnisvollen Geisha gewährt, in der Entbehrung und Schönheit Hand in Hand gehen.

 

 

 

 

 

 

 

 


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Kommentare: 1
  • #1

    Die Busleserin (Sonntag, 30 April 2017 21:31)

    Hier wird die Leselust inspiriert durch einen Mix aus Erotik, fremde Kultur, Tragik, Sehnsucht und Historie. Dies verspricht Kurzwelle.