Rezension: Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey! & Die Schanin hat nur schwere Knochen – Aus dem Leben einer Familienpsychologin

 

Zur Sache:

 

Sophie Seeberg ist Familienpsychologin. Seit knapp 20 Jahren erstellt sie für Familiengerichte Gutachten über familiäre Situationen und eine mögliche Gefährdung des Kindeswohls. Bei so vielen Jahren auf dem Tacho sammeln sich zwangsläufig so einige skurrile, erschütternde und traurige Anekdoten an. Aber auch wunderbare und hoffnungsvolle Momente bereichern Frau Seebergs Erfahrungsschatz.

Aus diesem turbulenten Berufsleben, in dem die Familienpsychologin sich nicht nur mit unmöglichen Familienangehörigen, sondern auch mit dem ein oder anderen boshaften oder nachlässigen Jugendamtsmitarbeiter herumschlagen muss, erzählt Frau Seeberg nun mit einer guten Portion Humor und Sarkasmus, aber immer auch mit viel Herz.

Rezension:

 

 Was genau Frau Seeberg dazu veranlasst hat ihre Erfahrungen für uns niederzuschreiben, ist nicht ganz klar. Vielleicht ist es ihre Art mit der hohen psychischen Belastung ihres Berufs umzugehen, vielleicht möchte sie aber auch nur auf morbide Art unterhalten. Egal was ihre Beweggründe gewesen sind, es ist schön, dass dieses Buch entstanden ist. Denn „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey“ weiß nicht nur zu unterhalten, sondern gewährt auch einen spannenden Einblick in die Abläufe an deutschen Familiengerichten und Jugendämtern.

 

 Für ihr Buch „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey“ hat Frau Seeberg eine bunte Mischung aus Fällen ausgewählt, die sowohl belustigen als auch einfach nur erschüttern und die sie mit ihrem zweiten Buch „Die Schanin hat nur schwere Knochen“ in gleicher Manier fortgeführt hat. Dabei sind die Zustände, mit denen sich die Frau Sachverständige konfrontiert sieht, oft so skurril und ungewollt komisch, dass man ähnlich wie Frau Seeberg oft das Gefühl hat im falschen Film zu sein. Und auch wenn man sich um eine angemessene Ernsthaftigkeit der tatsächlich sehr ernsten Sachlage gegenüber bemüht, gilt im Zweifelsfall: Wenn man nicht mehr weinen kann, kann man nur noch Lachen. So hält es auch die zwangsläufig abgehärtete Frau Seeberg, die ohne aufgesetzte wissenschaftliche Sachlichkeit und mit einem gewissen Galgenhumor, gut verständlich über die Dinge, die sich vor ihrem beobachtenden Auge abspielen, berichtet.

 

 Dabei beschränken sich Frau Seebergs Schilderungen nicht nur auf die teilweise erbarmungswürdigen familiären Verhältnisse, denen Kinder oft schutzlos ausgesetzt sind, sondern auch diverse Schwierigkeiten ihres Berufsalltags werden schonungslos beschrieben. Eine Herausforderung, vor die Frau Seebergs durch ihre Tätigkeit als Begutachterin und Sachverständige für die Gerichte gestellt wird, besteht beispielsweise darin, stets die nötige emotionale Distanz und Professionalität zu bewahren – eine Aufgabe, die teilweise schier unmöglich und sogar fast unmenschlich scheint, wenn sich ein verwahrlostes und schwer vernachlässigtes Kind – wie ein Ertrinkender, der nach dem Rettungsring greift – am Rockzipfel der Familienpsychologin festklammert und bettelt, aus der Müllhalde, in der es lebt, jetzt sofort mitgenommen zu werden. In solch einer Situation scheint jede Sekunde, in der das Kind weiter in seiner Umgebung verweilen muss, unzumutbar.

Auch die nötige Beherrschung zu behalten, wenn ein Jugendamtsmitarbeiter, um dem elenden Papierkram zu entgehen, schlampige Gutachten erstellt oder seine persönliche Engstirnigkeit, wie „ein homosexueller Vater kann keine Kinder erziehen“ ihn dazu veranlasst, besagtem Vater Erziehungsunfähigkeit zu bescheinigen, nötigt dem Leser einigen Respekt vor Frau Seeberg ab. Glücklicherweise findet Frau Seeberg oft einen Weg, geschickt mit diesen Situationen umzugehen, und behält dabei immer das Kindeswohl und die Interessen der betroffenen Familien im Auge.

 

 Trotz all dem Unschönen, von dem in den beiden Büchern berichtet wird, arten „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey!“ und „Die Schanin hat nur schwere Knochen“ nicht in eine voyeuristische Freakshow aus, wie die Buchcover oder die Titel irrtümlicherweise vermuten lassen. Nein, Frau Seeberg verzichtet positiverweise auf ein boshaftes und vor Überheblichkeit triefendes Vorführen der Problemfamilien, das man aus Talk-Shows, in denen sich ein Publikum mit hämischer Genugtuung an den Schicksalen sogenannter Assi-Familien ergötzt, nur zu gut kennt. So vergisst Frau Seeberg nicht bei all den Härten, die ihr Beruf mit sich bringt, auch über die dankbaren Aspekte ihrer Tätigkeit zu sprechen. Auch Anekdoten über engagierte und tatkräftige Kollegen und über die besonderen Momente, in denen Eltern zu einer echten Einsicht gelangen und eine Wendung zum Positiven im Leben einer begutachteten Familie erreicht werden konnte, finden in den Büchern ihren Platz. Dabei ist auch festzuhalten, dass bei Leibe nicht alle Familien, von denen Frau Seeberg hier berichtet, ins Spektrum der sozialen Randgruppen gehören und sich nicht jeder Fall gleich dramatisch gestaltet. Oft genug kann einer Familie auch einfach durch die nötige Mediation geholfen werden.

 

Insgesamt lesen sich Sophie Seebergs „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey“ und „Die Schanin hat nur schwere Knochen“ wie ein kommentierter Tatsachenbericht, der sowohl interessante Einblicke in das Leben der Familienpsychologin als auch in die Abgründe, die sich in einigen Familien Deutschlands auftun, gewährt. Und auch wenn die Thematik beider Bücher eine ernste und oft deprimierende ist, überwiegt am Ende doch eine hoffnungsvolle und affirmative Einstellung, die von der Überzeugung beseelt ist, dass es für eine Veränderung zum Positiven nie zu spät ist.

 

Ein positiver Nebeneffekt beim Lesen dieser Lektüre: Die eigenen kleinen Familiendispute werden sehr schnell in Perspektive gerückt und man ist für seine normale Kindheit plötzlich doch sehr dankbar.

 

Anmerkung:

 

Anscheinend ist Frau Seeberg der Stoff auch nach dem zweiten Buch „Die Schanin hat nur schwere Knochen“ noch nicht ausgegangen, und es bleibt abzuwarten, ob ihr nächstes Buch „Der Maik-Taylor verträgt kein Bio“, das am 1. Februar 2017 erscheinen wird, ebenso zu unterhalten weiß wie seine Vorgänger.

 

 

 Urteil: unterhaltsam und informativ, ohne hämisch oder niveaulos zu sein.

 

 

 

 

 

 

 


 

Erschienen: 02.12.2013

Taschenbuch

Umfang: 256 Seiten

Verlag: Knaur TB

ISBN: 978-3-426-78603-1

 

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Leseprobe


 

Erschienen: 04.05.2015

Taschenbuch

Umfang: 336 Seiten

Verlag: Knaur TB

ISBN: 978-3-426-78764-9

 

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Leseprobe


 

Erscheint: 01.02.2017

Taschenbuch

Umfang: 304 Seiten

Verlag: Knaur TB

ISBN: 978-3-426-78854-7

 

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