Rezension: Kamisama Kiss/ Kamisama Hajimemashita

 

Zur Sache:
Die 16- jährige Schülerin Nanami Momozono hat es alles andere als leicht im Leben. Halbwaise und arm wie eine Kirchenmaus ist Nanami obendrein noch mit einem verantwortungslosen Vater gestraft, der, als er in finanzielle Schwierigkeiten gerät, sich einfach aus dem Staub macht und Nanami obdachlos zurücklässt. Doch Nanamis Pechsträhne scheint nicht lange anzuhalten, denn nach einer schicksalhaften Begegnung mit einem mysteriösen Mann namens Mikage, bietet dieser ihr prompt ein Haus zum Wohnen an. Das versprochene Haus stellt sich allerdings als heruntergekommener Shinto-Schrein heraus, zu dessen Schutzgöttin Mikage sie ungefragt gemacht hat und der von dem übellaunigen Götterdiener Tomoe bewacht wird. Als mächtiger Fuchsgeist denkt Tomoe natürlich gar nicht daran, sich einem mickrigen Menschenmädchen zu unterwerfen oder gar zu dienen. So beginnt für die tapfere Nanami ein Leben zwischen den Welten: Wird es ihr gelingen, ihre Pflichten als Schutzgöttin zu erfüllen und sich den widerspenstigen Fuchs gefügig zu machen?

Rezension:

 

"Kamisama Kiss" oder besser "Kamisama Hajimemashita", wie die Reihe im Japanischen heißt, ist ein fluffiger Fantasymanga und Julietta Suzukis bislang erfolgreichstes Werk. Erstmals 2008 im japanischen Shoujo-Magazin Hana to Yume erschienen, umfasst das Werk insgesamt 25 Bände und ist in Japan abgeschlossen. In Deutschland ist das Werk unter dem Namen Kamisama Kiss zurzeit bis Band 21 erhältlich und auch das bisher einzige Werk Suzukis, das es bis zu uns über den Teich geschafft hat. 

Das ist schade, denn Suzukis Werke verströmen einen unverwechselbar eigentümlichen Charme. Zwar werden auch die üblichen Parameter des mädchenhaften Shoujo-Genres bedient, wie ein bezaubernder männlicher Protagonist, der Mädchenherzen höher schlagen lässt, eine Protagonistin, der ihre positive und lebhafte Art schon bei der Geburt eingeimpft worden ist und eine mitreißende Romanze, aber es gelingt der Mangaka, der Geschichte einen eigenen Dreh zu verpassen.

 

Ein weiterer Pluspunkt von "Kamisama Kiss" sind die Charaktere, die allesamt liebenswürdig sind, und mit Nanami bekommt man eine Protagonistin serviert, die zwar typisch gut gelaunt und fröhlich ist, aber trotzdem gewitzt, selbstständig, dickköpfig und eigenwillig genug, um Persönlichkeit zu besitzen und nicht zu nerven. Ein echter Hingucker ist zudem der großartig gezeichnete Fuchsgeist Tomoe, der sich als mächtiger Youkai (Youkai:  japanische Monster) oft herablassend, gerissen und heuchlerisch verhält, in dessen Inneren sich jedoch ein zartes Pflänzchen verbirgt. Am ehesten könnte man Tomoe als gemäßigten "Tsundere" bezeichnen, eben soviel, dass es liebenswert bleibt und nicht ins Unerträgliche ausartet. (Ich erinnere an Misaki aus "Kaichou wa Maid-sama".) Aber auch die anderen Charaktere bleiben nicht nur belanglose Randfiguren, sondern erfahren eine eigene Charakterisierung und Entwicklung.

 

Ein anderer Aspekt, in dem sich "Kamisama Kiss" angenehm von der Konkurrenz abhebt, ist sein Mut zum Grotesken. Wo die meisten Shoujo- Zeichner dazu neigen, ihre fantastischen Gestalten, sein es Götter oder Youkai die in alten japanischen Tuschezeichnungen entschieden hässlich sind überirdisch schön erscheinen zu lassen, verpasst Suzuki ihren Youkai oft ein wirklich merkwürdiges Aussehen.
Generell ist Suzukis Zeichenstil weniger kitschig und verspielt, allerdings auch weniger komplex und sauber, als der vieler Mangaka dieses Genres man denke an Arina Tanemura, Yoko Maki oder Matsuri Hino. Während die Zeichnungen in den ersten Bänden noch verbesserungsbedürftig sind, die Proportionen teilweise verzogen wirken und streckenweise etwas schluderig aussehen, so kann man im Verlauf der Serie eine deutliche Verbesserung feststellen.
Natürlich fallen eifrigen Shoujo-Lesern einige Ähnlichkeiten zu anderen Werken wie zum Beispiel "Black Bird" von Kanoko Sakurakouji oder "Hana to Akuma" (im Deutschen: "Flower and Devil") von Hisamu Oto aufdoch schafft es Kamisama, sich von beiden Werken abzuheben. Zum einen ist Kamisama weniger dunkel und sexy als Black Bird, das an eine japanische Version von Stephanie Meyers "Twilight" erinnert und ist deutlich humorvoller und abgedrehter, zum anderen unterscheidet sich die Dynamik zwischen den Protagonisten deutlich von "Black Bird" oder "Hana to Akuma". Zwar behandeln alle drei Werke in einzelnen Handlungsbögen ähnliche Themen, wie zum Beispiel die Problematik einer Beziehung einer Sterblichen mit einem Unsterblichen, doch setzt jedes Werk andere Schwerpunkte. 
Auch die Romanze zwischen Nanami und Tomoe steht, im Gegensatz zu "Hana to Akuma" und "Black Bird", nicht im Zentrum und rückt erst in späteren Bänden mehr in den Vordergrund. Des Weiteren werden Themen wie artübergreifende Liebe nicht nur am Hauptpärchen abgearbeitet, sondern andere Entwicklungsmöglichkeiten desselben Szenarios werden durch ebenso liebenswürdige Nebencharaktere wie das Protagonistenpaar eingebunden, die am Ende zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. 
Das wiederkehrende Motiv der Serie ist jedoch Einsamkeit. Nicht nur Nanami und Tomoe, der vor Jahren von seinem Gott verlassen worden ist und einsam in Erwartung, dass sein Herr eines Tages wiederkehrt, den Schrein hütet, leiden an ihrer Einsamkeit, sondern auch die meisten anderen Figuren, denen sie auf ihren Abenteuern begegnen, sind auf ihre Art einsam. Einfühlsam thematisiert Julietta Suzuki die vielen Facetten des Einsamseins und der Isolation. Trotz allem überwiegt ein fröhlicher Ton und Suzuki lässt es nicht an Sarkasmus und Slapstickeinlagen fehlen, die das witzige Werk auflockern.

Nun zur Welt von Kamisama: Auf ihren Abenteuern wandelt Nanami stets zwischen den Welten der Menschen, Götter und Youkai, was nicht nur für reichlich Abwechslung sorgt, sondern auch faszinierende Einblicke in die japanische Kultur und Mythologie gewärt, die für den westlichen Leser umso spannender sind, da man mit ihr wenig vertraut ist. Gegen Ende der Serie merkt man allerdings, dass der Mangaka langsam der Erzählstoff ausgeht, und die letzten zwei Etappen der Geschichte fangen an sich zu ziehen, auch weil es merklich an Tomoe fehlt. Dies ist allerdings nur ein kleines Manko, schließlich hat Suzuki im 25. Band doch noch die Kurve gekriegt und ein zufriedenstellendes Ende gefunden.

 

Der Erfolg der Serie wurde in Japan sogleich mit einer Anime Adaption in zwei Staffeln belohnt, die in Deutschland zurzeit noch nicht erschienen ist. Da in Kürze die letzten drei Bände von "Kamisama Kiss" auch in Deutschland zu erhalten sein werden, bleibt nur zu hoffen, dass bald auch Julietta Suzukis ältere Werke, sowie ihr neustes Werk "Tripitaka Toriniku", das dieses Jahr ebenfalls im Hana to Yume erschienen ist, in Deutschland veröffentlicht werden.
Urteil: Süß, witzig, fantasievoll, japanisch. Kurz: Ein Shoujo-Manga, wie er sein soll.

 

Erschienen: 06.2012

Verlag: Tokyopop

212 Seiten

25 Bände (bisher erschienen 21)

ISBN: 978-3-8420-0480-1 (Band 1)

 

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Leider gibt es diesmal keine Leseprobe.