Rezension: Die Känguru-Chroniken

 

Zur Sache:

 

Das Leben des anschaffenden, entschuldige, ich meine natürlich freischaffenden Kleinkünstlers Mark-Uwe Kling gerät an dem Tag aus den Fugen, an dem ein unverschämtes, vorlautes, und nicht zu vergessen kommunistisches Beuteltier in die Wohnung nebenan zieht. Da aber der Besitz einer eigenen Wohnung oder gar das Zahlen von Miete so gar nicht zur Schnorrer-Mentalität des aufmüpfigen Kängurus passt, zieht es kurzerhand ungefragt bei dem etwas hilflosen Kleinkünstler ein und bringt mit seinen andauernden, skurrilen Mätzchen Schwung in die Bude in Berlin-Kreuzberg. Vollständig vom Känguru und seinen Allüren vereinnahmt, weiß der stoische Mark-Uwe dennoch das entstandene Chaos produktiv für seine Kleinkunst zu nutzen und verfasst den uns nun vorliegenden Tatsachenbericht über alltägliche Episoden mit besagtem Beuteltier.

Rezension:

 

Wer bei den "Känguru-Chroniken" eine in sich geschlossene, chronologisch fortlaufende Erzählung erwartet, wird hier enttäuscht. Stattdessen findet man Episoden aus dem Leben des absurden Duos, die nur lose in eine rudimentäre, übergreifende Handlung eingebettet werden. Dies lässt sich auf den Werdegang des Autors zurückführen, der seinen unverschämten Hüpfer bereits in einem wöchentlich beim Berliner Radiosender Fritz erschienenen  Podcast "Neues vom Känguru" in die Welt schickte. Viele im Podcast erschienene Episoden finden sich in neuer Anordnung auch in den "Känguru-Chroniken" wieder. Und das ist ein Glück, denn während mich die einzelnen Episoden des Podcasts, auch aufgrund ihrer gehetzten und tonlosen Vortragsweise, nicht überzeugen konnten, so erleichtert die neue Anordnung der Episoden den Einstieg. Auch durch die Ergänzung der lockeren Rahmenhandlung funktionieren die einzelnen Episoden, nun in einen Gesamtkontext eingebettet, besser. So lernt man die Facetten der Charaktere nach und nach kennen und hat Zeit sich mit ihrem absurden Verhalten anzufreunden. Die Charakterisierung der Protagonisten, aber auch der Randfiguren, gelingt Mark-Uwe Kling dabei besonders. Ganz nach dem Paradigma "Show -  don't tell" entwickelt er die Charaktere durch ihre Dialoge und Dynamik miteinander, und man gewinnt sehr schnell einen konkreten Eindruck davon, was die Figuren ausmacht.

 

Nun zum eigentlich wichtigsten Aspekt der Chroniken: dem Humor. Dieser lässt sich nach Angaben des Autors wie folgt zusammenfassen: "mal kritisch, mal albern, aber auf alle Fälle system-relevant." 

Mit seinem zuweilen beißend bösartigen, kritischen, sarkastischen und aufmüpfigen Humor bewegt Kling sich bewusst zwischen Comedy und Kabarett und trifft damit meinen absoluten Sweetspot. Selten habe ich so lachen müssen und dabei in der Bahn mehr als einmal eigentümliche Blicke geerntet, wie bei meiner Lektüre der "Känguru-Chroniken". Besonders dadurch, dass Klings Humor meistens  sowohl auf der  direkten Ebene als auch auf der Meta-Ebene funktioniert, schwört er den gebildeteren Leser geradezu ein, wenn dieser sich darüber freuen kann, die intellektuellen Ostereier bemerkt und verstanden zu haben. So geht von den "Känguru-Chroniken" ein ähnlicher Reiz aus wie von den anfänglichen Staffeln der "Big-Bang-Theory", bei denen man sich - neben dem üblichen Humor - ebenso über ähnliche Ostereier freuen durfte. Um den vollen Umfang von Klings Genie genießen zu können, sollte der Leser also eine gute Allgemeinbildung in Hinblick auf Philosophie, Geschichte, Politik und Literatur mitbringen. Diese Voraussetzung scheint leider einen Großteil der Leserschaft bereits auszuschließen. Allerdings entpuppt sich Kling nicht nur als Intellektueller, sondern auch als Pop-Culture Fan-Boy, der mit zahlreichen Anspielungen auf die selbige und einer Dosis Slapstick-Humor in der Lage ist, auch eine anderweitig orientierte Leserschaft mit ins Boot zu holen.

 

Wer nun geneigt ist, sich die "Känguru-Chroniken" zu Gemüte zu führen, dem ist besonders das Zulegen der Hörbuch-Version zu empfehlen, welche von Mark-Uwe Kling selbst gelesen wird. Als preisgekrönter Poetry-Slammer mimt er gekonnt die Stimmen der verschiedenen Charaktere und verleiht den Chroniken zusätzliche Lebendigkeit und Witz. Was eventuell auf dem Papier noch nicht so ganz zünden will, entfaltet sein Potential spätestens jetzt und lädt zum lauten Mitlachen ein. So gewann Mark-Uwe-Kling für seine Lesung der Chroniken verdienterweise auch den Deutschen Hörbuchpreis 2013.

 

 

Urteil: "Frisch, frech und völlig absurd!"


 

Erschienen: 11.03.2009

Ullstein Taschenbuch
272 Seiten
ISBN: 978-3-54837-257-0

 

Erschienen: 13.07.2012

Hörbuch-Hamburg-Verlag
Live und ungekürzt
Laufzeit: 4 Std. 53 Min.